Wie ein Blues: Umbrüche poetisch und dokumentarisch

Felix Hawran

Zum 8. Europäischen Monat der Fotografie Berlin präsentiert die Fotogalerie Friedrichshain noch bis zum 23. November die Gruppenausstellung „Türkiye Blues" in Zusammenarbeit mit der Istanbul Fotograf Galerisi. Beteiligt sind die Fotografen Ilknur Can, Dinçer Dökümcü, Timurtaş Onan, Erhan Şermet, Tuncer Tunç und Cem Turgay. Gezeigt werden mit ihren Werken spannende Innenansichten einer Gesellschaft, ihrer Umbrüche und einer sich wandelnden Metropole: poetisch und dokumentarisch.

Nach fast einem Jahr an Vorbereitungen und Austausch zwischen Istanbul und Berlin, dem zwischenzeitlichen Sinkflug der türkischen Lira und Schwierigkeiten mit den Visa für die Einreise nach Deutschland waren alle überglücklich, dass zur Vernissage am 11. Oktober zumindest vier der sechs Künstler*innen persönlich anwesend sein konnten. Tatsächlich ist es vor allem Gisela Gräning, Galeristin aus Eichwalde, zu verdanken, dass das Projekt umgesetzt werden konnte. Sie hatte nicht nur während eines Arbeitsstipendiums des Brandenburgischen Verbands Bildender Künstler (BBK) in Istanbul im Jahr 2015 die entscheidenden Kontakte geknüpft, sondern auch die Berliner Sparkasse zu einer Spende für die Produktion der Ausstellung überzeugen können. Der langjährige Partner der Fotogalerie Friedrichshain „Fotopioniere" auf der Karl-Marx-Allee kam beim Drucken der Bilder preislich soweit entgegen, dass die Ausstellung in vollem Umfang umgesetzt werden konnte. Schließlich sorgte auch eine Getränkespende des jungen Unternehmens „Nampelka" mit argentinischen Rotweinen für ausgelassene Stimmung während der Vernissage.

Beim Künstlergespräch am darauf folgenden Abend gab es die besondere Gelegenheit, die Arbeiten der anwesenden Fotografen Dinçer Dökümcü, Timurtaş Onan, Erhan Şermet und Cem Turgay näher kennenzulernen und Erfahrungen mit dem Publikum auszutauschen. Es wurde deutlich, dass alle ausstellenden Künstler*innen von den aktuellen politischen Entwicklungen in der Türkei beeinflusst sind, auch wenn diese selten im Vordergrund der Arbeit stehen. Neben den unterschiedlichen künstlerischen Arbeitsweisen ging es vor allem um Themen wie das Leben von gesellschaftlichen Randgruppen in der Metropole Istanbul, um Gentrifizierung und die Rolle der Frau in der Türkei.

Ein besonderer Gewinn für alle Anwesenden war an beiden Abenden der interkulturelle Austausch und die äußert interessante Zusammensetzung des Publikums im Hinblick auf das Ausstellungsthema: von der Australierin mit türkischen Eltern, die in Berlin zum ersten Mal ihren Wurzeln näher kommt, über den Istanbuler Fotografen mit griechischen Eltern, Deutschtürken aus Frankfurt/Main, die in Berlin mit ihrer Istanbuler Künstlerverwandschaft zusammenkommen, deutschen Künstler*innen mit Arbeitsstipendium in Istanbul, bis zur jungen kunstinteressierten Türkin, die gerade in Berlin einen Deutschkurs macht.

Als nächster Schritt ist angedacht, in den kommenden Jahren ein gemeinsames Kunstprojekt in Istanbul mit dem Kulturring und der Istanbul Fotograf Galerisi umzusetzen. Der Blues voller Umbrüche wird hoffentlich weitergehen.

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