Weltumspannende Krisen – mit Herrn L. unterwegs

Wolfram Haack

All the world's a stage,
And all the men and women merely players;
They have their exits and their entrances,
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages. At first, the infant,
Mewling and puking in the nurse's arms.
Then the whining schoolboy, with his satchel
And shining morning face, creeping like snail
Unwillingly to school …

Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,
Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;
Der weinerliche Bube, der mit Bündel
Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke
Ungern zur Schule kriecht …

Monolog Jacques, aus William Shakespeare: „As You Like It“ – „Wie es euch gefällt”

Dieser Tage, wo die Sonne wieder scheint, begegne ich wiederholt dem 88jährigen ­Witwer L., Vater eines inzwischen auch 62jährigen Mitschülers aus meiner Grundschulzeit, zu dem ich keinen Kontakt mehr habe, weil er mit seiner Familie inzwischen im Weserbergland lebt. Uns verbindet manches, aber nicht das Etikett Risikogruppe.
Herr L. vertritt sich gerade um die Mittagszeit ebenso häufig die Beine wie ich, wenn ich vom Homeoffice aufstehe und mit dem kaputten Fuß zum Schlosspark oder Lietzensee schlurfe. Auf dem Weg dorthin ist jeweils auch noch ein großer Discounter. So begegnen wir uns. Wir unterhalten uns wie selbstverständlich über Dinge, die Jahrzehnte zurückliegen, als seien sie gerade passiert. Herr L. liest noch immer regelmäßig die Printausgabe der Westberliner Tageszeitung, von der man bis in die 70er des vergangenen Jahrhunderts noch „gutes Deutsch“ lernen konnte. Er hatte bis vor kurzem einen Festnetzanschluss. Als die Telekom ihm den analogen Anschluss abstellt und zu einem neuen Vertrag nötigt, beschließt er zu kündigen. Da hat er eben kein Telefon mehr. Das Abonnement der Zeitung teilt er sich mit der jungen Nachbarin (59) unter sich, inzwischen (ein bisschen mit meiner Hilfe) auch ihren Telefonanschluss. Sie hat den Quatsch mit der Umstellung ja mitgemacht. Einen Fernsehapparat besitzt er seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Brauchte er bis jetzt auch nie, er hat vor zwei Jahren noch ein Dutzend Seniorensportabzeichen abgeräumt. Den relativ neuen Radioapparat, den der Sohn ihm angeschafft hat, schaltet er nicht an, weil ihm die Programme nicht gefallen und ihn der überflüssige Schnickschnack technischer Handhabung bei dem Gerät maßlos ärgert.

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