Unvergesslich und nachhaltig | Aus Projekten in Reinickendorf und Pankow

Hannelore Sigbjoernsen

Auf meinem Schreibtisch neben mir liegen drei kleine Bücher: „Tier Park – Buchis Geschichten“, „Buchi und die Kiwis“, „Lieder für Kinder – Texte und Geschichten“. Konzipiert, geschrieben, gestaltet und gedruckt im Rahmen von Projektarbeiten in Reinickendorf und Pankow um 2008 und 2019. Die „Schreibzwerge“ haben im Medienpoint Pankow ihre Buchi-Bärengeschichten aufschreiben lassen und selbst illustriert. Mit ihren kleinen Kunstwerken sind sie für das Buch abgelichtet worden. Die Freude darüber war bei den Kindern und den Erwachsenen gleichermaßen groß. Wenn die Knirpse selbst einmal Eltern geworden sind, lassen sich die eigenen Schreibgeschichten immer noch vorlesen, können sie immer noch darüber erzählen.

Die Kinderliedersammlung, entstanden im Reinickendorfer Projekt „Musik integrativ“ war eine kleine Sensation und ist immer noch wert, gemeinsam mit Kindern zu einem Singe-Festival gestaltet zu werden. Aus dem AWO-Kindergarten „Schneckenhaus, der Reinecke-Fuchs-Grundschule und der Kita „Outlaw“ sind die Texte zusammengetragen worden, die „bisher noch in keinem Liederbuch abgedruckt worden waren“. „Ein musikalisch ausgebildeter Projektmitarbeiter“ hat „nach Gehör die Noten aufgeschrieben“, heißt es im Vortext. Das Lied auf Seite 48 „In unserem Garten ...“ könnte ich heute noch mitsingen. Auf gemeinsamen Spaziergängen mit Nachbarskind durch unsere Kleingartenanlage haben wir es oft genug geträllert. Mit den  Kinderzeichnungen zu den Liedern ist ein Kleinod entstanden.

Immer noch in wunderbarster Erinnerung wird wohl allen damals beteiligten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen das Projekt „Kinder spielen Jedermann“ bleiben – Idee und Regie: Brigitte Grothum. Es war Teil eines vom Jobcenter Reinickendorf geförderten Kulturnetzwerk-Projektes, das der Kulturring realisierte. Professionalität, engagiertes Mittun im Projekt und Spaß am Gelingen waren das Geheimnis der gelungenen Inszenierung, die in den letzten Novembertagen 2006 der Kirche St. Nikolaus in der Reinickendorfer Techowpromenade ein volles Haus bescherte. Zuvor gestaltete sich ein Aufruf in der Regionalzeitung, sich einem Casting zu stellen, zu einem Riesenerfolg. Niemand wird es vergessen, der je bei dem Casting dabei war. Die Grande Dame der Bühne reichte jedem möglichen künftigen Darsteller die Hand und sagte: „Ich bin Brigitte und wer bist du? Kannst du singen, tanzen, Gedichte aufsagen oder …?“ „Breakdance“, war häufig die Antwort, das war damals sehr beliebt bei den Kids. „Na zeig mal.“. „Komm zur Probe...!“ Die Mitarbeiter des Kulturrings waren an jedem Probentag aufs Höchste gefordert, sich mit einzubringen. Tee kochen, Stullen schmieren für die, die aus der Schule kamen, trösten, wenn die Chefin mit dem Gezeigten mal unzufrieden war, und – vor allem – die Bühnentechnik und die  Requisiten zu sichern. Welch ein Jubel in der Kirche nach dem furiosen, mit viel Breakdance ausgeschmückten Finale!

Kinder-Kunst-Meilen, Kinder-Kunst-Tage, Seniorenkunsttage etc. unter der Ägide des Kulturrings in den Nordbezirken: Wer mitgemacht, wer beteiligt, wer verantwortlich war – es blieb immer etwas in der Erinnerung, und die eine oder andere Bastelarbeit schmückt vielleicht heute noch ein  Kinderzimmer.

Wer von den Pankower Medienpoint-Mitarbeitern im zweiten Halbjahr 2014 wird wohl je die Geschichte vergessen, als im Oktober eine Aufforderung des Zolls eintraf, zwei Pakete abzuholen. In den KulturNews 12/2014 wurde darüber berichtet, wie sich die Angelegenheit aufklärte: Die Nachfahrin einer in den 1930er Jahren nach Brasilien aus Prenzlauer Berg ausgewanderten Familie hatte bei einem Berlinbesuch den Medienpoint entdeckt und schickte zwei Bücherpakete „vom Zuckerhut“. Befürchtete Zollgebühren wurden nicht erhoben!

Vielleicht haben Kinder des Schuljahrgangs 2014 in der Montessori-Schule Prenzlauer Berg zu Hause vorgeführt, was geschehen muss, wenn es in einem Hörspiel regnen oder donnern soll. „Mit Regensieb und Donnerblech“ haben sie an einem Schulprojekt des Kulturrings teilnehmen können, in dessen Ergebnis eine Hörspiel-CD entstanden war.

Der Themenmonat anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls im Jahr 2019 war in Prenzlauer Berg mit einer Vielzahl von Aktionen und Veranstaltungen ausgefüllt. Ein emotionaler Höhepunkt für alle Beteiligten war zweifelsfrei die Mauerwanderung mit Schulkindern und die Aktion im St-Elisabeth-Stift, bei der sie symbolisch eine Mauer aufgebaut und niedergerissen haben. Zum Abschluss war die Kapelle des Stiftes angefüllt mit dem gemeinsamen Gesang von „We shall overcome“. Nicht weniger großartig und unvergesslich war die Abschlussveranstaltung zum Themenmonat im Kulturhaus „Wabe“ in Prenzlauer Berg unter Beteiligung der Lettischen Kinder- und Kunstgemeinschaft.

„DO IT Democracy“ lautete 2009 der Titel eines internationalen Jugendtreffens in Berlin und im polnische Gdansk. Selbst aus Amerika waren Teilnehmer gekommen. Für sie besonders waren die Begegnungen mit Menschen, Orten und Geschichten jenseits des „Eisernen Vorhangs“ von größtem Erlebniswert.

Immer wieder waren in Anträgen zum Thema Nachhaltigkeit eines Projektes Aussagen notwendig. Hier könnten viele Publikationen aufgeführt werden, die in den vergangenen Jahren im Projektbereich Nord entstanden sind. Je älter sie werden, umso wichtiger wird ihre Bedeutung in der Geschichtsschreibung des Bezirkes sein. Dazu gehören alle Publikationen, die zum Thema „Runde Tische“ im Bezirk Pankow entstanden sind, ebenso wie die Broschüre zur Geschichte des Kulturbundes. Last but not least soll hier noch das Denkzeichen zur Arbeit des Zentralen Runden Tisches und der sog. Zwei-plus-vier-Verhandlungen Erwähnung finden, das vor dem Haus Berlin der Bundesakademie für Sicherheitspolitik auf dem Pankower Schlossgelände steht. Auch das ein Ergebnis nachhaltiger Kulturringarbeit.

Zweifler an der Sinnhaftigkeit kultureller Projekte auf dem sog. zweiten Arbeitsmarkt sollten in der über 100seitigen Dokumentation des Vereins Kulturring Berlin nachschlagen, die anlässlich seines 30jährigen Bestehens 2024 zusammengestellt wurde.

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