Verschwundene Denkmale in Karlshorst

Wolfgang Schneider

Vor mir liegt ein roter Granitstein. Er erinnert mich an ein Ereignis vor 50 Jahren. Als junger Mann erbettelte ich von den Steinmetzen, die ein Denkmal am damaligen Leninplatz fertigten, ein Stück der Abfallsteine zur Erinnerung. Das Denkmal des sowjetischen Künstlers Nikolai Tomski überlebte die Wendejahre nicht. Es wurde abgebaut, im Sand verbuddelt und der Kopf wieder ausgegraben. Heute befindet sich der Kopf in der Zitadelle Spandau. Wie gehen wir heute in einer aufgeklärten Gesellschaft mit den Relikten aus vergangenen Epochen um? Die öffentlichen Diskussionen der vergangenen Wochen nicht nur in Deutschland über den Umgang mit historischen Straßennamen und Denkmälern erhitzen die Gemüter. Sie erinnern mich an Diskussionen, als im Jahre 1980 das Denkmal Friedrich II. in der Straße Unter den Linden aufgestellt wurde. Schließlich war er ein Monarch, der seine Nachbarländer mit mehreren Kriegen überzogen hatte. Sollte ihm wirklich ein Denkmal gesetzt werden?

Man kann Geschichte nicht ändern, indem man Denkmäler wegschließt oder zerstört. Geschichte war so, wie sie war. Unsere Vorfahren haben Schuld auf sich geladen durch aktives Tun, Ignoranz oder Wegsehen. Es ist fraglich, ob die Schuld unserer Vorfahren heute durch Zerstören oder Umbenennen verschwindet. Wir sollten gemeinsam einen anderen Weg als Zerstörung finden. Eine inhaltliche Auseinandersetzung (statt Zensur) aus heutiger Sicht wäre notwendig. Aber damit tut sich wohl jede Generation schwer, und durch Aktionismus wird keine historische Schuld gemildert. Nicht jedes Denkmal ist erhaltenswert. So erging es auch dem ersten „Denkstein“, der an die Gründung der Kolonie Karlshorst erinnerte. Die Bauvereinigung „Eigenheim“ ließ ihn im Juni 1913 auf einer Freifläche vor dem Kaiserpavillon (heute: Lehndorffstraße, Ecke Wandlitzstraße) aus Anlass der 25-jährigen Thronbesteigung Wilhelm II. errichten. Immerhin 3000 Mark spendete sie für die Genehmigung der Aufstellung an die Gemeinde Friedrichsfelde.

Kunst im öffentlichen Raum von Karlshorst hatte es immer schwer. Die Stadtväter von Groß-Berlin verordneten deshalb den Karlshorstern die Plastik „Die Kniende“. 1926 wurde sie von Carl Trumpf aus Muschelkalk geschaffen und 1928 auf dem Bahnhofsvorplatz aufgestellt. Sie ist auch ein Beispiel, warum Kunst verschwindet: Es ist die Vergänglichkeit des Materials. Die Plastik überlebte noch eine Umsetzung in den Rheinsteinpark. 1980 war das Kunstwerk jedoch durch Vandalismus und durch Verwitterung so zerstört, dass nur eine Neuschöpfung sinnvoll war. Diese Neuschöpfung durch den Bildhauer Karl-Günter Möpert ist heute im Ingelheimer Park zu bewundern. Das Original der Plastik wurde vom gleichen Künstler restauriert und steht heute im Verwaltungsgebäude des Friedhofes Friedrichsfelde.

Die Lebensdauer politischer Denkmäler in Karlshorst war oft noch kürzer. Das betraf zunächst das „Kriegswahrzeichen“ im Ersten Weltkrieg auf dem Bahnhofsplatz. Auch die Minenwerfer- und Flammenwerfer-Gruppe vor der Festungspionierschule sowie das Kriegerdenkmal überlebten den Zweiten Weltkrieg nicht. Auf einem Luftbild vom 15. März 1945 sind diese Denkmale noch an ihrem Standort. Bilder aus dem Jahr 1948 belegen ihren zwischenzeitlichen Abbau. Und auch der „Grenzsoldat“ verschwand 1993. Das Denkmal stellte einen jungen Soldaten der Grenztruppen der DDR dar.

Die Geschichte der „Kriegswahrzeichen“ (hier am Bahnhofsplatz) ist eng mit der Geschichte sogenannter Kriegsnagelungen verbunden. Die Überlieferung erzählt von einer Ritterfigur aus Holz in Wien, in die man einen Nagel gegen einen Spendenbetrag einschlagen konnte. Mit diesen Spenden wollte man das Leid der Frauen und Kindern gefallener Soldaten mindern. Diese Idee verbreitete sich im Ersten Weltkrieg in Deutschland, und in nahezu jeder Gemeinde wurden Kriegswahrzeichen aufgestellt. Diese waren jedoch hauptsächlich ein Mittel zum Auffüllen der Sozialkassen. In Karlshorst wurde das Kriegswahrzeichen im Oktober 1915 auf dem Bahnhofsvorplatz aufgestellt. Der Zeitpunkt und der Grund der Beseitigung sind nicht überliefert. Bereits in den Zwanzigerjahren wird darüber nichts mehr berichtet. 

Das Kriegerdenkmal von Oswald Schimmelpfennig (Einweihung am 5. September 1926) befand sich im Park an der heutigen Ingelheimer Straße, Ecke Ehrenfelsstraße. Am Sockel des Denkmals waren Namens­tafeln und eine Inschrift „Seinen gebliebenen Söhnen – Das dankbare Karlshorst“ angebracht. Auf dem Denkmal befand sich ein sitzender Soldat, den Kopf auf der rechten Hand gestützt, in der linken Hand hielt er ein gesenktes Schwert. Das Denkmal wurde durch die Karlshorster Bürgerschaft durch Verkauf von Ansichtskarten mit dem Entwurf finanziert. Kriegerdenkmäler wurden häufig 1945 durch sowjetische Soldaten als Symbole der faschistischen Wehrmacht zerstört. 

Die beiden Skulpturengruppen „Flammenwerfer- und Minenwerfer-Gruppe“ schuf Prof. Arthur Lewin-Funcke im Auftrag des Reichskriegsministeriums. Bis 1933 stellte er eine Vielzahl von Skulpturen für den öffentlichen Raum in Berlin her. 1933 änderte er seinen Namen in „Funcke“. Der Auftrag für die Gruppe erfolgte im Januar 1937, die Fertigung bis September 1937. Wann es zur Aufstellung kam, ist nicht bekannt. Da Lewin-Funcke nach längerer Krankheit am 16. Oktober 1937 starb, sind auch kaum Aufzeichnungen zum Fertigungsprozess vorhanden. Die Gesamthöhe gibt Lewin-Funcke mit 230 cm an. Das Material der Skulpturen war Muschelkalk.

Das Denkmal „Grenzsoldat“ vom Bildhauer Hans Eickworth hatte seinen Standort in der Rheinpfalzallee, der ehemaligen Siegfried-Widera-Straße. Es befand sich auf einem nicht öffentlich zugänglichen Gelände des Grenzkommandos Mitte der DDR. Eingeweiht wurde es 1967. Gegossen wurde die Bronze-Statue in der Bildgießerei Seiler, Schöneiche. Der „Grenzsoldat“ stellt einen jungen Soldaten der Grenztruppen der DDR dar. Das Denkmal wurde 1993 abgebaut. Über den Verbleib ist nichts bekannt. In der Zitatelle Spandau wurde eine Zweiergruppe von Grenzsoldaten vom gleichen Künstler eingelagert. 

Neben den politischen Denkmälern gab es in Karlshorst eine Reihe von Skulpturen, über die keine Nachrichten des Verbleibs vorliegen:
Die Plastik „Fuchs im Entennest“, Friedrich Leopold Bürde, 1844, Material Bronze, war im Bereich der Freitreppe des Deutsch-Russischen Museums aufgestellt. Anfang der 1990er Jahre ist sie verschwunden.

Die Plastik „Wolf im Fangeisen“, Christophe Fratin, 1850, Material Bronze, war auf einer Treppenwange an der Südseite des Museums für Deutsch-Russische Geschichte ausgestellt. Sie ist zum gleichen Zeitpunkt verschwunden, wie die Plastik „Fuchs im Entennest“. 

Die Skulptur, „Polytechnischer Unterricht“, Künstler unbekannt, war vor der ehemaligen „Suche-Bator-Oberschule“, der heutigen Karlshorster Grundschule, aufgestellt. Es stellt zwei Kinder dar, die mit Bausteinen hantieren. Da sie wiederholt beschädigt wurde, erfolgte noch vor 1989 der Abbau. Über den Verbleib ist nichts bekannt. 

Eigentlich müsste noch der Schmidt-­Pauli-Obelisk und das Reiterdenkmal in diese Reihe aufgenommen werden. Aber da Teile dieser Denkmäler heute noch gezeigt werden, soll auf ihre Geschichte hier verzichtet werden. Die Frage bleibt: Wie gehen wir mit unseren Denkmälern um? Sie sind ein Spiegelbild unserer Geschichte und mahnen uns, die Fehler unserer Vorfahren nicht zu wiederholen. 


Bildnachweise
Abb. 1, 3, 4, Sammlung Schneider
Abb. 2: Sammlung Geschichtsfreunde Karlshorst
Abb. 5: Hans Maur: „Mahn-, Gedenk- und Erinnerungsstätten der Arbeiterbewegung in Berlin-Lichtenberg“
Abb. 6 und 7: Horst Vysek, u. a., Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR, Hauptstadt Berlin II, S. 235
Abb. 8: Sammlung Walter Fauck

Literatur
- Laschke, Fauck, Weyda, die denkmale, Teil I, II und III, Kulturring in Berlin
- Horst Büttner, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Bezirke Berlin/DDR, Potsdam, 1987
- Stefanie Endlich: Skulpturen und Denkmäler in Berlin, Berlin, 1990
- Horst Vysek, u. a., Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR, Hauptstadt Berlin II, Berlin 1980

Archiv