Kunersdorfer Musenhof im Wandel der Zeiten

Margot Prust

Eine kulturhistorische Einrichtung im ländlichen Raum des Oderbruchs

en legendären Musenhof führten im 18. Jahrhundert die Frauen von Friedland, Helene Charlotte von Lestwitz (1754-1803) und Henriette von Itzernplitz (1771-1848). Neben der vorbildlichen Landwirtschaft, einem Mustergut, das Mutter und Tochter auf den Friedländischen Gütern betrieben, gründeten sie einen Musenhof nach dem Muster der Berliner Salons und luden zum geistigen Austausch Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Kunst und Kultur in das Cunersdorfer Schloss (bis 1945 mit „C“ geschrieben) ein. So weilten die Gebrüder Humboldt, die Bildhauer Schadow, Rauch und Tieck, der Landwirtschaftsreformer A. D. Thaer, der Rechtsgelehrte Savigny, Goethes Freund Zelter, der Verleger Nicolai u. a. in diesem ländlichen Dorf im Oderbruch. Besonders der Naturforscher Sigismund von Stein, der Zoologe Lichtenstein und der damalige Direktor des Königlich Botanischen Gartens Karl Ludwig Wildenow zog es in diesen ländlichen Raum.

Im Jahr 1813 verbrachte Adelbert von Chamisso die Sommermonate als Gast der Familie Itzenplitz im Schloss. Hier auf dem Lande konnte er seine wissenschaftlichen und kreativen Talente entfalten. Er arbeitete mit dem Obergärtner Walter an einem „Verzeichnis auf den Friedländischen Gütern cultivierter Gewächse“ und schrieb seine heute zur Weltliteratur gehörende Novelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“.

Durch die Einwirkungen des Zweiten Weltkrieges sind Schloss und Patronatskirche 1945 zerstört. Das vermutlich um 1920 errichtete Herrenhaus (der heutige Musenhof) blieb von den Angriffen verschont und ging nach der Bodenreform in den Besitz der Gemeinde über. Über 60 Jahre wurde er von der Gemeinde Kunersdorf und dem Amt Barnim-Oderbruch verwaltet. Auf Grund des desolaten Zustandes musste das Gebäude dringend saniert werden und wurde 2005 privatisiert. Ohne öffentliche Mittel, mit großem ehrenamtlichen Engagement konnte die einstige Dépendance des Schlosses als kulturhistorisches Kleinod hergerichtet werden. Seit 2006 finden musikalisch-literarische Veranstaltungen und ein vielseitiges kulturell-künstlerisches Leben statt. Die Tradition des legendären Musenhofes wurde unter zeitgenössischen Bedingungen weitergeführt.

Im Jahr 2010 gründeten 15 Personen die Internationale Chamisso-Gesellschaft e. V., die Chamissos Nachlass, der in der Staatsbibliothek zu Berlin in 34 Kästen aufbewahrt wird, sichert, aufarbeitet und publiziert sowie das Haus zum Chamisso-Literaturhaus im Kunersdorfer Musenhof umwidmete. Heute zählt die Gesellschaft über 85 Mitglieder, deren Geschäftssitz sich ebenfalls in der Dépendance befindet.

Im April 2015 gründeten Chamisso- und Musenhoffreunde den Förderverein Kunersdorfer Musenhof e. V. Er verfolgt das Ziel, Zukunftslösungen für das gesamte Ensemble zu schaffen. Es wird eine Erinnerungsstätte in Deutschland für den in Frankreich geborenen Europäer Adelbert von Chamisso entstehen. Durch Veranstaltungen, Führungen und Stipendien (von der Robert Bosch Stiftung unterstützt) entstand eine literarische und kulturhistorische Einrichtung, die die Erinnerung an den großen deutsch-französischen Dichter der Romantik, Naturwissenschaftler und Weltreisenden Adelbert von Chamisso (1771-1838) – „einen frühen Bürger Europas“ – wachhält sowie die kulturgeschichtlichen Leistungen der Frauen von Friedland bewahrt und pflegt. Eine umfangreiche Ausstellung im unteren Geschoss des Hauses zeigt die unterschiedlichen Facetten des Lebens und Werkes Chamissos. Geplant sind Ausstellungen in den Bereichen der Literatur, Botanik und Chamissos Weltreise, die mit den Weltreisen von Humboldt und Forster gleichgesetzt wird.

Ausgehend von den historischen Fakten, werden mit Unterstützung eines komplexen technischen Know-hows visuelle Darstellungen präsentiert, die das Interesse der Besucher, vor allem junger Gäste wecken werden. Hörstationen, Audio-Guides und digitale Filmsequenzen vermitteln Interessantes und Sehenswertes in allen Ausstellungsbereichen. Ein digitales Herbarium wird Auskunft über das Bestimmen von Pflanzen geben. Nachhaltige Bildungsangebote werden in der Literatur, Naturwissenschaft und der Geografie vermittelt.Mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ehrt die Robert-Bosch-Stiftung herausragende ausländische Autoren, die in deutscher Sprache schreiben und deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist. Drei Förderpreisträger erhielten inzwischen im Kunersdorfer Musenhof die Möglichkeit, Lesungen zu präsentieren, Schreibwerkstätten durchzuführen bzw. durch ein Arbeitsstipendium, wie einst Chamisso, an ihrem weiteren literarischen Werk zu schreiben. Dazu gehörten die Albanerin Alina Wilms, die Russin Nellja Veremej und der Iraker Abbas Khider.

Mit einem umfangreichen Programm wird der Förderverein zur kulturellen Bildung und Belebung dazu beitragen, eine überregionale Gedenkstätte in der weiten Flusslandschaft des Oderbruchs zu etablieren. Dank der Unterstützung des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben durch den Einsatz eines Bundesfreiwilligen ist möglich, die ehrenamtlichen Arbeiten und den Aufbau eines Chamisso-Museums zu unterstützen und zu gewährleisten. Der Bundesfreiwillige Manfred Boss wurde Vereinsmitglied des Fördervereins Kunersdorfer Musenhof e. V. , erhält Einblicke in den kulturellen Ablauf, wird in praktische Aufgaben im Veranstaltungsbereich eingebunden und ist selbstständig verantwortlich für die Ordnung, Sicherheit und Pflege des Objektes. Somit ist er in das Team des Kunersdorfer Musenhofes voll integriert. Die positive Zusammenarbeit mit dem Kulturring in Berlin e.V., die den Freiwilligendienst praktisch begleitet, hat sich als außerordentlich unterstützend erwiesen. Unser Dank geht an den Kulturring, besonders an Antje Mann, für die Organisation und Betreuung des BFD für unsere Einrichtung.

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