Mehr als ein Theater am Rande der Stadt

Dr. A. Gawron, A. Mann, R. Friedrich

Im Norden Marzahns steht das Berliner Tschechow-Theater für gelebte Stadtteilkultur. Eine treue Besucherschar schätzt das kleine Theater am Rande der Stadt, das in einem ehemaligen Ladengeschäft beheimatet ist. 2002 von einigen russlanddeutschen Theaterenthusiasten, Regisseuren und Schauspielern mit Mitteln des Quartiersmanagements Marzahn Nordwest gegründet, hat es sich eine kleine Fangemeinde geschaffen, die auch aus anderen Bezirken anreist, wenn es eine Premiere oder ein Gastspiel gibt.

Die Einrichtung an der Märkischen Allee 410 trägt den Namen des großen russischen Schriftstellers und Dramatikers nicht ohne Grund. Anton Pawlowitsch Tschechow, in Russland geboren und in Deutschland gestorben, steht für die beiden Kulturen, die bei aller Unterschiedlichkeit doch auch vieles Gemeinsames haben. Und so lag es nahe, Theaterstücke in deutscher, russischer bzw. in beiden Sprachen aufzuführen, wie „Der Bär“ und „Der Heiratsantrag“ von Tschechow. Das wird auch heute noch vom Hausensemble T&T (Theater und Tanz) gemacht, „Der Heiratsantrag“ läuft nach wie vor gut. Aber nicht nur die Klassiker werden gespielt, man geht mit der Zeit und adaptiert auch Werke von Zeitgenossen wie zum Beispiel Loriot. Mit „Das Ei ist hart“ in Deutsch und Russisch über ein deutsches und ein deutschstämmigen Spätaussiedler-Ehepaar in zwei Sprachen erntet das Ensemble immer wieder Lacher im Publikum.

Der Name Tschechow steht nicht nur für einen Wanderer zwischen den Kulturen, sondern auch für Vielfalt. Wurde anfänglich nur Theater gespielt, hat sich die Einrichtung inzwischen zu einem kulturellen Zentrum im Norden Marzahns entwickelt. Es gibt Lesungen und Kabarett, Diskussionsrunden und Liederabende, Diavorträge und Tanzdarbietungen, Ausstellungen und Vorträge. Im Kinderstudio „Sonnenschein“ singen und tanzen die Vorschulkinder. Jugendliche proben selbst geschriebene Theaterstücke und führen sie auf, Schüler der Musikschule zeigen in kleinen Konzerten, was sie gelernt haben. Das ist wichtig für den Kiez. Dort gibt es viele Bewohner, deren monatliches Einkommen geradeso zum Leben reicht, für Kultur bleibt da kaum etwas übrig. Die kommt nun zu ihnen zu erschwinglichen Preisen und mit interessanten Programmen. Insbesondere die Zusammenarbeit mit den Kitas und Schulen muss hervorgehoben werden. Schon die Jüngsten sehen dort ihr erstes Märchenstück, spielen vielleicht sogar in einem der Theaterprojekte mit oder sind mit Begeisterung einmal im Monat beim Mitmach-Theater dabei. Grundschüler kommen im Rahmen des Zukunftsdiploms zu Veranstaltungen ins Theater und basteln, tanzen oder machen Musik. Jugendliche können sich ausprobieren und erste Erfahrungen mit den Brettern machen, die ja sonst eigentlich die Welt bedeuten.Die Angebote des Theaters werden aus dem Programm Soziale Stadt über das QuartiersBüro Marzahn Nord gefördert. So wie es derzeit aussieht, ist das Fortbestehen auch in den kommenden zwei Jahren gesichert. Theaterleiterin Dr. Alena Gawron mit ihrem Team kann somit auch 2016 jeden Monat für ein abwechslungsreiches Programm sorgen. Alena Gawron ist seit der Gründung dabei, hat sich ein weitverzweigtes Netz an Künstlern und Kulturschaffenden aufgebaut, die sie dann ins Tschechow-Theater holt. Und wenn es sein muss, verteilt sie auch mal Flyer und rückt die Stühle in dem kleinen Zuschauerraum zurecht. Ihr Organisationstalent verhilft nicht nur dem Theater zu regem Besucherzustrom, sondern auch dem nahe gelegenen, bisher eher verwaisten Barnimplatz zu neuem Leben. Dort gibt es seit Herbst 2014 in der Open-Air-Saison Veranstaltungen wie Konzerte, Kinderfeste oder Trödelmärkte, was sich im gerade beginnenden Jahr fortsetzen wird. Aber in erster Linie kümmert sie sich um das Theater.

Mit Stolz können sie und das Team auf das Jahr 2015 zurückblicken. Allein bis November gab es 140 verschiedene Veranstaltungen mit über 3.000 Besuchern. Es war für jede Besucher- bzw. Altersgruppe, aber auch für jeden Geldbeutel etwas dabei. Besondere Highlights waren z. B. Auftritte der Kabarettisten Lutz Hoff, Franziska Trögner und Dagmar Gelbke, die vor ausverkauftem Haus spielten oder die Veranstaltungsreihe Kindertheater als Mitspieltheater, was sowohl von 3jährigen Kindern als auch von Schülern gern in Anspruch genommen wurde.

Natürlich wird diese Tradition auch 2016 fortgeführt und die beliebten Veranstaltungen, wie Kabarett, Theaterinszenierungen auf Deutsch und Russisch, Weltmusik und Kinderveranstaltungen jeder Art werden weitergeführt. Neue Highlights kommen hinzu. Schon im Januar gibt es den ersten Höhepunkt – eine Premiere am 16.01.2016 anlässlich des Geburtstages des Namensgebers Anton Tschechow. Und die zweite Premiere am 19.01.2016: Kinder spielen für Kinder die Geschichte der verschwundenen Zarentochter Anastasia. Die mit Erfolg gestarteten Familiensonntage werben um die aktive Einbeziehung der Eltern in die Entwicklung und Organisation dieser Veranstaltungsreihe. Kinder möchten gern gemeinsam mit ihren Eltern etwas Schönes erleben. Was bietet sich da besser an, als an einem Sonntag gemeinsam zu musizieren, zu basteln, zu spielen oder zu erzählen? Ebenso steht im Fokus die zunehmend größer werdende Gruppe der Senioren im Stadtteil. Für sie soll es besondere Angebote geben, indem die bereits gut funktionierende Zusammenarbeit mit der ehrenamtlichen Initiative „Gemeinsam statt einsam“ intensiviert wird und die Senioren schon in die Ideenentwicklung einbezogen werden. Die KulturNews wird auch im neuen Jahr am Ball bleiben.

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